POLEN: Debatte um homoerotische Kunst in Warschau
bild(11.06.10/dom) Am 11. Juli findet die EuroPride erstmals in Warschau statt, und bereits im Vorfeld dazu schaukeln sich die Wogen sehr hoch: Die Ausstellung „Ars Homo Erotica“ mit homoerotischer Kunst im polnischen Nationalmuseum erhitzt die Gemüter.

Gegendemonstrationen und gewalttätige Angriffe gegenüber der Gay Pride in Warschau sind nichts neues, zumal der Event auch schon mehrfach ganz verboten wurde. Ob sich in diesem Jahr an dieser Situation etwas ändern wird, ist fraglich, zumal der Pride 2010 eine EuroPride ist und damit noch mehr Schwule und Lesben in die polnische Hauptstadt locken wird, aber wohl auch umso mehr Gegendemonstranten. Obwohl es noch etwas mehr als einen Monat geht bis zur Grossveranstaltung, erhitzen sich die Gemüter schon jetzt. Der Grund: Eine Ausstellung im polnischen Nationalmuseum in Warschau zeigt homoerotische Kunst. Trotz versuchen von Konservativen und Nationalisten diese zu verhindern, ist die Ausstellung gestern offiziell eröffnet worden.

Der massiven Kritik trotzt der Museumsdirektor Piotr Piotrowski: Sein Museum sei kein „dogmatischer Tempel für Gläubige“, erklärte er in einer Stellungnahme bereits vor der Ausstellung. Er möchte mit dieser Ausstellung auch kontroverse Auseinandersetzungen fördern und eine öffentliche Diskussion – nicht zuletzt auch über die Lage sexueller Minderheiten in Osteuropa - fördern. Doch die Debatte nahm wohl auch für Piotrowski zu extreme Formen an. Vor allem die nationalkonvervative Opposition hält nicht mit Kritik zurück: Wenn man schon solche Werke zeige, wieso dann nicht auch gleich Kunst über Nekrophilie oder Pädophilie? Und andere erklärten, dass der Direktor aus dem Nationalmuseum ein Abort mache. Zudem werden auch bereits Rücktrittsforderungen gestellt. Auch seitens der konservativ-liberalen Regierungspartei Bürgerplattform (PO) kam Kritik, wenn auch wesentlich schwächer. So erklärten sie unter anderem, dass das Museum vor allem dazu da sei die polnische Kultur zu pflegen.

Unterstützung erhält Museumsdirektor Piotr Piotrowski aber von höchster Stelle, nämlich vom polnischen Kulturminister Bogdan Zdrojewski. Dieser erklärte, dass das Museum auch mit dieser kontroversen Ausstellung seinen Auftrag erfülle. Ein Museum sei immer auch eine kritische Einrichtung. Es ist das erste Mal überhaupt, dass homoerotische Kunst in einer solchen Breite in einer staatlichen Einrichtung gezeigt wird, umso grösser Werten die schwullesbischen Aktivisten diesen Erfolg. So erklärte die lesbische Buchautorin Agata Engel-Bernatowicz gegenüber N-TV, dass Polen in Sachen Achtung für sexuelle Minderheiten dreissig Jahre hinter dem Westen zurückbleibe. Dies schlägt sich auch in der Statistik nieder: Zehn Prozent der Schwulen und Lesben gaben in einer Umfrage des Instituts für Soziologie der Warschauer Universität an, dass sie bereits mindestens einmal körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen seien, und 47 Prozent fühlten sich psychisch verfolgt. Wie der Bericht des Instituts weiter festhält, sei das Leben der Schwulen und Lesben vor allem in der Provinz die Hölle.

Mit der EuroPride am 17. Juli 2010 in Warschau erhofft die Gay Community neue Inputs in der Debatte rund um die Rechte für Schwule und Lesben. Der Event soll auch Signalwirkung für andere Länder in Osteuropa haben, welche in einer ähnlichen Situation sind, denn mit Warschau findet der Grossanlass erstmals in einer osteuropäischen Metropole statt. Gegen 70'000 Besucher werden zur grossen Parade erwartet. Doch mit der EuroPride in der Stadt dürfte auch die Gegenbewegung wachsen. Doch erste positive Signale gibt es trotzdem bereits zu verzeichnen: Nach der Akzeptanz einer Gay Pride gefragt, stellten sich vor ein paar Jahren erst zwölf Prozent hinter den Anlass, in diesem Jahr hingegen sind es bereits rund 48 Prozent, welche die Durchführung des Anlass in Warschau akzeptieren.