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CHRISTINA AGUILERA : BIONIC

(03.06.2010/mp) Christina Aguilera hat es auf den Pop-Thron abgesehen. Wie ihr Vorbild Madonna hat sie schon früh erkannt, dass das Mittel zum langjährigen Erfolg die "Re-Invention', sprich Neuerfindung ist. Jedes Album ist daher gleichzeitig ein neues Kapitel in der mittlerweile 11-jährigen Karriere-Geschichte des amerikanischen Stimmwunders. 2002 eröffnete Aguilera ihre "One-Woman-Show' mit ihrem natürlichen Selbst. Erdig, soulig, gefühlsstark - so charakterisiert sich das Album "Stripped". Alles was sie zuvor gesungen und einstudiert hatte, sei nicht wirklich sie selbst gewesen, betont sie noch heute in Interviews. 2006 kehrte sie mit dem Album "Back To Basic" unter dem Alter-Ego "Baby Jane' ins Rampenlicht zurück und wagte sich an die verstaubten Jazzklänge der 1930er-Jahre heran - so wie Madonna damals mit dem Album "I'm Breathless'. Wir schreiben das Jahr 2010 und Christina Maria Aguilera hat sich wieder einem Wandel unterzogen: auf dem Album "Bionic" ist sie eine mechanisch gesteuerte Prima Donna. Stupide Vergleiche mit Lady GaGa müssen wir hier leider abrupt dementieren, denn auf dem Album findet man keine der signifikanten "Red One"-Produktionen (Anmerkung: "Red One" ist Lady GaGas Hauptproduzent) oder ähnliches vor. Und auch optisch orientiert sich die stimmgewaltige Blondine eindeutig an der Queen Of Pop. Beim näheren Betrachten des Album-Artwork wird man feststellen, dass die Kostümierung stark an Madonnas Outfits der "Confessions Tour" aus dem Jahr 2006 angelehnt ist.

Das Video zu ihrer ersten Single "Not Myself Tonight" ist tatsächlich ein Tribut an ihr grosses Vorbild Madonna (Tante Tratsch berichtete), so liess Christina verlauten. Der Clip ist eine kunterbunte Collage aus Schnipseln der Musik-Videos von "Like A Prayer", "Express Yourself" und "Vogue" - bloss in zeitgemässem Rahmen und etwas expliziter dargestellt. Wer von "Bionic" nun einen Madonna-Megamix erwartet, der wird schnell eines Besseren belehrt: soundtechnisch haben sich die Wellenlängen der Pop-Grossmächte noch nicht überschnitten. Während die "Queen' den Roots des trendigen Dance-Pop folgt, macht sich die Thron-Anwärterin in den Gefilden des Electro-Pop breit und geizt nicht mit unterschiedlichen Kollaborationen. So sind auf demselben Album renommierte Namen wie "Tricky" Stewart (produzierte Rihannas "Umbrella"), M.I.A., Santogold, Sia, Peaches, Polow Da Don, Le Tigre und auch wieder Linda Perry vertreten, und tragen zur reichhaltigen Artenvielfalt des Genres bei. Synthie-Pop, Punk-Pop, Funk-Pop, Electronica, Rhythmn & Blues, Pop-Balladen … "Fun-Pop' wird auf "Bionic" (trotz wenigen sentimentalen Unterbrüchen) ganz gross geschrieben.

23 Tracks zählt die Deluxe Edition des vierten Studioalbums und bietet zumindest quantitativen Fan-Service. Auf Albumlänge lässt sich der neuste Wurf jedoch schwer auf ein durchschaubares Konzept zurückführen. "Bionic" ist ein durchwegs inkohärentes Album. Der Platte fehlt ein Schwergewicht, eine einheitlichen Tonalität. Es klingt fast so durchwachsen wie eine Best-Of-Compilation, bei der man nicht so genau herauskristallisieren kann, welches nun die grossen Hits der gesamten Diskografie sind. Auf der anderen Seite bedient "Bionic" Liebhaber ausgefallener und bissfester Uptempo-Hör-Kost, so wie Freunde delikater und zart schmelzender Patisserie aus gefühlvollen Klängen und emotionaler Stimmgewalt. Für jeden (Mainstream-orientierten) Musikgeschmack sollte sich die eine oder andere Praline finden lassen.

Polow Da Don zeichnet sich neben der ersten Single-Auskopplung "Not Myself Tonight" für zwei weitere Tracks verantwortlich. Seine beigesteuerten Werke ("WooHoo", "I Hate Boys") sind kratzbürstig, deftig und unverblümt: das "Parental Advisory"-Zeichen ist wohl zurecht auf dem Cover abgedruckt. Denn in "I Hate Boys" exponiert sich Christina als männerfeindliche, furiose Bitch und markiert mit einem eindeutigen Statement, wozu Männer wirklich gut sind ("Boys - they're only good for fruit, I mean bananas").

Ähnlich fulminant sind die Produktionen des Hit-Teams "Tricky" Stewart und Claude Kelly. Sie setzen jedoch auf mehr Tempo, produktionstechnische Finessen und lassen Christina Aguileras eindrucksvolles Stimmorgan, trotz aufwändigen Soundgerüsten, immer mal wieder zum Zuge kommen. "Desnudate" endet überraschend mit einem geschickt eingebetteten Saxophon-Solo, "Prima Donna" kommt mit ordentlich Druck auf den Stimmbändern daher und "Glam" besticht wiederum durch zurückhaltendes Arrangement, aber stechend scharfen Zwischenrhythmen und gezielten Einsätzen der Vocals. Kelly & Stewart haben Aguilera drei gelungene Tracks mit grossem Hitpotenzial auf den Leib geschneidert und erneut bewiesen, dass sie sich einen hohen Rang in der kommerziellen Musikszene verdient haben.

Etwas ausgefallener sind die Beiträge von John Hill und Switch, die zuletzt mit den Alternativ-Künstlerinnen M.I.A. und Santogold kollaboriert haben. Sie sind für den ausgeprägten Einschlag von Electronica-Elementen verantwortlich. Gleich der erste Track - "Bionic" - ist ein verzerrtes, von Dissonanz geprägtes Klanggewitter, dass nicht nur das bisherige Soundschema der Pop-Künstlerin verfremdet, sondern auch um ein weiteres Sub-Genre, dem des Electronica-Pop, erweitert. Mit weiteren drei Titeln gelingt es dem Team Hill & Switch, Christina Aguilera tatsächlich zum menschenähnlichen Roboter umzufunktionieren, den sie auf dem Album-Cover so eindrücklich darstellt. "Elastic Love" ist das Paradebeispiel für den Gebrauch des Vocoders im Zusammenspiel mit verspielten Synthesizern und nervösen Beats. "Monday Morning" ist eine ausgeprägt groovige und laszive Komposition. Sexy, funky, retro und sommerlich. "Bobblehead" ist hingegen stark rhythmisiert und weniger atmosphärisch, dafür mit satten Beats und Loops gepfeffert. Von Hill & Switch hätten wir sicherlich gerne noch mehr gehört, denn sie haben Christina zum Opfer ihrer ausgefallenen Maschinerie gemacht und damit herumexperimentiert. Spannend. Die Electropop-Band Ladytron aus Grossbritannien hat sich ebenfalls an der Pop-Ikone versucht. Mit ihrem eigenen, sphärischen Sound selbstverständlich. "Birds Of Prey" mag daher etwas befremdlich für ungeschulte Ohren klingen, da es ein sehr typisches Synthie-Pop-Stück ist, bei dem so ziemlich alles verfremdet wurde, was man mit Christina Aguilera in Verbindung bringen könnte. Aber auch dieses Experiment ist Madame geglückt und Ladytron können ihren ersten grossen Erfolg als Zauberkünstler in der Verwandlung musikalischer Pop-Grössen verbuchen.

Das Herz des Albums sind die Balladen von Sia und Sam Dixon. Der balladeske Teil ist im Vergleich zum Vorgänger "Back To Basics" um einiges reduzierter und schlichter gehalten. Ein von Rotz triefendes "Hurt" sucht man auf "Bionic" vergebens. "All I Need", aufgebaut und rhythmisiert wie ein traditionelles Wiegenlied, ist eine rührende Widmung an ihren Sohn Max. "I Am" stellt eine intensive Selbstreflektion dar, die in einfachen aber prägnanten Worten sehr ausdrucksstark gestaltet ist. "You Lost Me" ist wie ein kleines, in sich abgeschlossenes Drama mit fulminantem Finale. Natürlich darf eine bewegende Linda Perry-Ballade ebenfalls nicht fehlen. Ihr einziger Beitrag zum subversiv gestalteten Album heisst "Lift Me Up" und verzaubert durch den gelungenen Einsatz von Streichern, Klavier und E-Gitarre-Riffs. Die Herzschmerz-Sektion von "Bionic" ist daher gesichert und auch dieses Genre wäre somit bedient.

Man sieht, "Bionic" ist ein äusserst facettenreicher Longplayer. Immer innerhalb der erweiterten Grenzen des Electro-Pop und dennoch vielseitig beeinflusst. Auch wenn man den roten Faden gelegentlich vermisst, tut es dem Werk an sich keinen Abbruch. Viel mehr erweitert es Aguileras Back-Catalogue um ein paar weitere Genres an denen sie sich versucht hat. Ihr Repertoire wächst unaufhörlich und wir dürfen gespannt sein, mit welchem Konzept sie in vier Jahren aufwartet - denn so lange dauert es im Durchschnitt bis eine neue Christina Aguilera-Platte auf den Markt kommt.

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Bewertung
1 bionic 3:21
2 not myself tonight 3:06
3 woohoo feat. nicki minaj 5:28
4 elastic love 3:33
5 desnudate 4:25
6 love & glamour (intro) 0:11
7 glam 3:39
8 prima donna 3:25
9 morning dessert (intro) 1:32
10 sex for breakfast 4:49
11 life me up 4:07
12 my heart (intro) 0:18
13 all i need 3:33
14 i am 3:52
15 you lost me 4:17
16 i hate boys 2:24
17 my girls feat. peaches 3:07
18 vanity 4:21
 
Auch als Deluxe Edition mit 23 Tracks erhältlich:
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