BRUCE BERESFORD
interview in zürich

(05.10.10/lp) Kurz bevor der Film "Maos letzter Tänzer" in die Kinos kam, haben wir uns mit Regisseur Bruce Beresford getroffen.

Bruce kam gerade aus New York, hatte zwar noch etwas Jetlag, er war aber trotzdem gut gelaunt. Wir haben mit ihm über seinen neusten Film gesprochen.

Wann hast den wahren Tänzer Li Cunxin getroffen.

Erst als es klar war, dass wir die Schauspieler für den Film haben und wir ihn drehen können. Ich verbrachte mit ihm ein Weekend in seinem wunderschönen Haus in Melbourne...

Er hat ja drei Kids...
Ja und die sprechen nicht nur perfekt Englisch, sondern auch Chinesisch, weil er sie nach China zu seiner Familie geschickt hat. Auf jeden Fall bin ich mit ihm die Geschichte durchgegangen und konnte alles fragen: Was passierte dann, was war hier und da geschehen und so weiter. Es gab Sachen, die man aus seiner Biografie nicht entnehmen konnte, wie zum Beispiel, wo die Schule war, auf die er als Kid gegangen ist - die war nämlich nicht im gleichen Dorf, wo er gewohnt hat. Ich konnte mit ihm alles durchgehen und konnte so Sachen in den Film einfliessen lassen, die nicht im Buch zu lesen sind. Weisst du, seine Originalbiografie war nämlich fast drei Mal so lang, wie das schlussendlich veröffentlichte Buch. Es gibt also zwei Drittel, welche nicht veröffentlicht wurden. Das Buch wäre zu lang geworden, also hatten wir den Rest und konnten lesen und damit noch mehr über seine Geschichte erfahren. Und das war auch nötig. Ich war nur zwei Mal in China gewesen und ich war mit ihrer Kultur nicht vertraut.

Ich habe gelesen, dass es nicht leicht gewesen ist, das Dorf wo Li seine Kindheit verbracht hat im Film einzubringen...
Das ist so. Die Modernisierung in China geschah so schnell, dass sie die Leute aus den kleinen Dörfer direkt in Wohnblöcke umgesiedelt haben. Lis Eltern haben damals in einem kleinen Haus gewohnt, ohne Heizung. Heute leben sie in einer Wohnung mit Heizung... Die kleinen Dörfer sind alle verschwunden. Wir mussten also eine adäquate Kulisse finden. Wir hatten dann das Glück ein paar Häuser im Originalzustand zu finden. Die waren noch da, weil Bauern sie zum Lagern von Heu gebrauchen. Als wir sie gesehen haben, haben wir sofort gesagt: "Das ist es, das ist es!"

Gab es Probleme mit der chinesische Regierung?
Wir rechneten damit, dass es Probleme gegen würde. Man sagte uns, dass wir die Rolle von Madame Mao streichen sollen. Die dürfe nicht vorkommen. Aber wie sollten wir das tun? Sie war ein wichtiger Part in der Geschichte. Wir haben einfach gedreht und nicht mehr darüber gesprochen, dass wir Madame Mao im Film sein liessen. Passiert ist dann auch nichts.

Man bekommt den Eindruck, dass der amerikanische Lehrer Ben auf Li Cunxin gestanden ist...
Tatsächlich, das war so, er fand Li attraktiv. Ich habe Li gefragt, weil sie ja zusammen gewohnt haben, ob da mal Annäherungsversuche seitens Ben gemacht worden sind und Li hat mir gesagt, es sei nie etwas vorgefallen. Ben hat immer eine gewisse Distanz bewahrt und er hat sich erst viel später bei Li geoutet. Li war ein sehr attraktiver Mann und Ben fand gefallen an ihm. Das wollte ich unterschwellig im Film bringen.
Der wahre Ben hatte ein bisschen Angst davor, wie wir das im Film umsetzten... Aber als er den Film gesehen hat, hat er mir in einer Email geschrieben, dass der Streifen wunderschön sei. Und man muss dazu sagen, dass Bruce Greenwood diese Rolle super gespielt hat. In Australien, wo man Bruce nicht kennt, dachten alle dass Grenwood wirklich ein schwuler Ballettlehrer ist. Ich hab mal einem Journalisten gesagt: "Bruce ist ein Schauspieler" und er antwortete: "Was? Der ist kein schwuler Ballettlehrer?" Ich sagte darauf: "Natürlich ist das kein schwuler Ballettlehrer, das ist ein Schauspieler!" Das war für Bruce ein Kompliment: Er hat also diese Rolle so gut gespielt, dass man dachte, dass er wirklich ein schwuler Ballettlehrer ist.

War der Hauptdarsteller Chi Cao nervös? Es ist ja seine erste Rolle überhaupt...
Natürlich war er anfangs nervös! Aber als Chi zu uns kam, da stand er ja bereits seit 15 Jahren als Tänzer auf der Bühne. Als Balletttänzer ist man ja auch gleichzeitig ein Schauspieler... Aber es war für ihn schon anders, vor der Kamera zu stehen und zu sprechen - das musste er als Balletttänzer nie. Ich hab ihn aber beruhigt: "Wenn du genau das machst, was ich dir sage, dann klappt es bestimmt". Wir mussten natürlich beide laut lachen.

Denkst du, dass dies für Chi der Beginn einer Schauspielerkarriere sein könnte?
Ich hab Chi gesagt: "Du solltest eine Hollywoodkarriere machen! Du siehst gut aus, du kannst gut Englisch... Mach was draus!

Hast du nicht versucht zu verhindern, dass die Presse darüber schreibt, dass seine Eltern während einer Aufführung plötzlich auftauchen?
Das kannst du nicht. Die Journalisten schreiben es, wenn sie es wollen. Der Film funktioniert auch dann, wenn man das schon davor weiss. Ausserdem wissen es nicht alle. Diese Szene ist ergreifend. Mich berührt sie noch immer, weil sie wahr ist. Ich hätte das nie im Film einfliessen lassen, wenn das nicht tatsächlich passiert wäre. Wenn du den Film "Macbeth" schauen gehst, dann weisst du ja auch, dass er am Schluss sterben wird... Und trotzdem ist der Film immer noch eindrücklich.

Ist der Film aus Australien, weil Li jetzt dort wohnt?
Der Film wird von Australien finanziert. Und seine Biografie war dort ein immenser Erfolg. Li ist in Australien sehr bekannt und sehr beliebt. Und ausserdem existiert in Australien eine sehr grosse China-Community.
 

 
  MAO'S LAST DANCER
MAOS LETZTER TÄNZER (de)
Eine Geschichte, die das Leben schrieb: "Maos letzter Tänzer" ist ein eindrücklicher Film, der zum Nachdenken bewegt. >>>Mehr Infos

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