Mit "Ayo Technology" ist der Belgier zur
Zeit auf den Vormarsch. Wir haben den sympathischen Sänger
vor einem Showcase in Zürich getroffen.
gay.ch: Sagt dir der Name Sandra Kim etwas?
Milow: Natürlich, das war der bisher einzige
Eurovision-Gewinner-Titel aus Belgien. Die hat damals mit dem
Alter geschummelt!
Sie sagte sie sei 16, nicht? Ich glaube sie war 14. Auf jeden Fall könnte man heute so
etwas nicht mehr machen. Man kann ja jeden googlen heutzutage...
Du heisst eigentlich Jonathan. Für was steht der Name
Milow? Keine Ahnung (lacht). Ich habe einfach mal mit Buchstaben
experimentiert. Ist also kein Band-Name, wie viele meinen. Von mir
wird es in dem Fall nie eine "Reunion" geben oder so.
Du kannst verdammt gut Englisch. Wo hast du es gelernt?
Ich habe als Kind schon immer englische Song gehört und die
Lyrics genau gelesen. Und ich habe immer englische
Games-Zeitschriften gelesen. Zudem habe ich ein Jahr lang in
Kalifornien an der High School Englisch gelernt. Ich wusste damals
schon: Falls ich mal auf der Bühne stehe, dann muss mein
Englisch gut sein. Wenn man die Kandidaten von Casting-Shows
zuhört... Viele singen ein grässliches Englisch.
Hast du 50 Cent um Erlaubnis bieten müssen, dass du
"Ayo Technology" singen darfst? Wenn man einen Song 1 zu 1 nachsingt, dann muss man nicht um
Erlaubnis fragen, aber ich habe ja den Text zum Teil
geändert. Also musste ich sicher gehen, dass sie das OK
geben, sonst würde ich vielleicht erschossen werden (lacht).
Ich habe aber nicht mit 50 Cent selber, sondern mit der
Publishing-Firma gesprochen.
Auf YouTube und in Blogs fragt man sich, zum Clip von
"Ayo Technology", welche Flüssigkeit auf deinem
Kopf und Mund ist. Man tipp auf Honig. Genau! So eine grosse Menge Honig im Mund zu haben, das ist nicht
so fein. Ich habe noch drei Tage danach das Gefühl gehabt,
ich schmecke das Zeug noch in meinem Mund. Aber die Idee vom Clip
ist, dass die goldige Frau die Bienenkönigin ist. Und es geht
ausserdem um Voyeure und Cybersex. Die goldige Frau ist
übrigens natürlich von James Bond inspiriert. Der Clip
wurde von Kollegen von mir gemacht, mit denen ich an einer
Filmschule war.
Im Song "Stephanie": Geht es da tatsächlich
um ein Mädchen das ermordet wurde? Ja, die Geschichte ist tatsächlich 2004 in Belgien passiert.
Sie war eine Kollegin von meiner Stiefschwester. Das tragische
ist, dass dieses Mädchen kurz davor war die Schule zu beenden
und dann wäre sie frei und hätte von zu Hause ausziehen
können. Sie war erst noch 18 und hatte das Beste vom Leben
noch vor sich. Sie wurde von ihrer Stiefmutter und Stiefbruder
ermodert. Beide waren eifersüchtig auf sie. Man sprach damals
von ersten "SMS-Mord", weil sie ihrem Vater eine SMS
schrieb und von den Auseinandersetzungen erzählte, die gerade
am Laufen waren. So konnten die Mörder auch sehr rasch
gefunden werden.
Und um was geht es beim Song "Canada"? Möchtest du
wirklich mal dort hinziehen? Den Song hab ich geschrieben, bevor ich einen Plattenvertrag
hatte. Es geht um die Vision, einfach mal wegzuziehen und
berühmt zu werden. Ich sehe mich da als Europäer, der in
die weite Welt hinaus möchte. Meine Idole - Songwriter und
Sänger - sind hauptsächlich aus den USA, aber Amerika
als Songtitel zu nehmen, das wäre nicht sexy, das macht doch
jeder. Darum hab ich einfach Kanada gewählt.
Bist du das erste Mal in der Schweiz? Als Sänger schon, aber vor ein paar Jahren war ich schon mal
hier, um ein Kollegen zu besuchen. Im Sommer komme ich aber dann
wieder in die Schweiz, dann trete ich u.a. am Gampel in St. Gallen
auf.
Und wohin geht es morgen, auf deiner Promo-Tour?
Nach Wien.
Dann viel Spass und Erfolg...
Hat dir meine CD gefallen?
Ja.
Du würdest es mir aber sagen, wenn sie dir nicht gefallen
hat.
Sicher doch. Am besten haben mir "Stephanie" und
"Canada" gefallen. Guter Geschmack (lacht).
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CD KAUFEN?
Milow, eigentlich Jonathan Vandenbroeck - diesen Namen
kennen hierzulande wohl nur wenige. Stichwort Belgien? Bö!
Akustikgitarre? Ach, da gibt es doch so viele die Gitarre spielen!
Stundenlang könnte das so weiter gehen, doch
spätestens beim Stichwort "Ayo Technology"
fällt wohl jedem Radiohörer der Groschen.
Milow ist der der Justin Timberlake & 50 Cent gecovert
hat. So gut, dass es sich um Längen besser als das Original
anhört und von den Radiostationen zurzeit auf und ab gespielt
wird.
Das selbstbetitelte dritte Album des Singer-Songwriters ist
sein Debütalbum ausserhalb Belgiens. In seiner Heimat und in
den Niederlanden ist der junge Kerl bereits seit 2007 ein kleiner
Musikstar und mit seiner lässig-coolen "Ayo
Technology"-Version stürmt er nun auch die Charts der
deutschsprachigen Region.
Doch wie so oft kann gerade der grösste Hit zugleich
den Todesstoss eines jeden Künstlers bedeuten. Was kommt
einem zum Beispiel in den Sinn bei dem Namen Sarah Jessica Parker?
Natürlich Sex and the City. Und weiter? Erstmals zehn Minuten
studieren und vielleicht kommt da noch was anderes.
t.A.T.u? Ach, das sind doch diese vormals
Möchtegern-Lesben aus Russland! Und weiter? All the things
she said und Eurovision. Das wars dann so. Nek? Laura non c'e! Und
weiter? Ja, lassen wir das mal.
Hat man einmal ein Image erworben, egal ob bewusst oder
nicht, reduziert man natürlich nur auf das eine. Und solch
ein ähnliches Schicksal könnte nun auch dem armen Milow
vorschweben. Schubladisieren nennt man das und dabei hat er sich
so viel Mühe gegeben mit seine CD: Ganze fünfzehn Tracks
sind drauf, allesamt schön arrangiert, mit süssen
stimmlichen Harmonien und viel Gitarre und Gefühl. Alles
selbst geschrieben.
Nach dem Über-Hit "Ayo Technology" folgen
vierzehn weitere, zwar weniger "coole" aber dafür
überaus zarte und emotionale Songs. Facettenreich singt er zu
den abwechslungsreichen Arrangements - mal rockiger, mal folkiger,
mal ruhiger.
Milows kehlige, ein wenig ins Rauchige tendierende Stimme,
kommt dem Gesamtkonzept des entspannt musizierenden Belgiers dabei
sehr entgegen. Entspannt heisst hier jedoch nicht unbeschwert,
denn Songs wie "You Don't Know", mit der er in Belgien
den Durchbruch schaffte, können sich unter Umständen
schwer wie ein Bleischuh anfühlen und zartbesaitete
Gemüter in dunkle emotionale Tiefen ziehen.
Zwischenzeitlich verirrt er sich zwar in abgelutschte
Mainstreamrock-Gefilde, doch das ist schnell verziehen, denn
wandelbar ist der Junge. Mal erklingt Südstaaten-Sound
("The Priest"), nur um im nächsten Song den
Irländer rauszuhängen ("House by the Creek")
Mit der wunderschönen
Gitarren-Geige-Glockenspiel-Ballade "Born in the
Eighties" endet die wundersame Reise im Milows
Musik-Universum - nach einer ganzen Stunde Spielzeit.
Fazit: Milow ist definit mehr als nur ein One-Hit-Wonder und mit
etwas Geduld wird das auch hoffentlich von anderen
Radiohörern und -hörerinnen erkannt.