INTERVIEW: Bardo Böhlefeld über seinen neuen Film Lieblingsmenschen
Noch am Tag vor der Gala-Premiere am Zurich Film Festival stand Bardo Böhlefeld für Dreharbeiten in Marokko vor der Kamera, doch der Hauptdarsteller von Lieblingsmenschen liess es sich nicht nehmen, den Film an der Seite von Katharina Thalbach und Filmemacherin Helena Hufnagel persönlich in der Limmatstadt zu präsentieren.
Im Gespräch mit gay.ch erzählte Bardo Böhlefeld von den Dreharbeiten, von der langen Wartezeit bis der Film endlich präsentiert werden darf, aber auch von seiner Familie, welche teilweise noch immer im Iran lebt.
Herzlich willkommen in Zürich: Wie hast Du den Besuch am ZFF erlebt und wie gefällt Dir Zürich?
Es ist mein erstes Mal in Zürich. Ich habe von der Stadt noch nicht so viel gesehen, aber ich hoffe, dass ich das heute noch nachholen kann. Aber ich merke schon, dass die Stimmung auf eine ganz andere Art und Weise vibriert als zum Beispiel in Berlin oder Wien, wo ich vor allem zu Hause bin, und das finde ich unglaublich schön.
Ich empfinde die Menschen als wahnsinnig offen. Und das überrascht mich, denn ich weiss noch, dass ich mit einem Theaterstück mal ein Gastspiel in der Schweiz hatte. Das war eine Komödie, und wir haben zu Hause die Leute wirklich zum Brüllen gebracht. Und dann sind wir hier in der Schweiz gewesen und es war einfach totenstille. Ich weiss nicht, vielleicht waren wir auch einfach nicht gut, aber seitdem ging bei uns im Theater dieses Gerücht um, dass, wenn du die Schweizer zum Lachen gebracht hast, dann hast du es geschafft. Und es war nun umso schöner, weil die Leute bei der Premiere so ergriffen und berührt waren, und auch so viel gelacht haben, dass wir echt mit einem guten Gefühl nach Hause gegangen sind.
Und wie war es auf dem grünen Teppich: Magst Du diese Auftritte?
Es war sehr schön. Die Leute waren alle da und haben einen herzlichst begrüsst und auch viele Fragen gestellt. Es war unglaublich respektvoll und wirklich eine tolle Stimmung. Man ist es sich sonst gewohnt, dass auch die ganzen Autogrammjäger da sind, welche sich danach sofort verdünnisieren. Aber das schöne hier war, dass die alle danach auch im Kino waren und sich den Film auch tatsächlich angesehen haben, das ist echt schön gewesen.
Du bist jetzt direkt von Dreharbeiten in Marokko hierher gekommen. Es ist ja immer so, dass ein Projekt abgeschlossen ist, und dann gehts idealerweise zum nächsten. Aber die Pressearbeit und die Premiere holt dich dann wieder ein. Wie ist diese Wartezeit für dich, bis Du den Film präsentieren kannst und Du endlich auch ein Feedback vom Publikum kriegst?
Unerträglich. Man gibt für diese Zeit wirklich sein ganzes Herzblut für ein Projekt. Man schmeisst sich rein, man ist jeden Tag, wenn der Wecker klingelt, um 4 oder 5 Uhr auf. Und wenn das abgeschlossen ist, dann tritt erstmal eine Phase von einer gewissen Erschöpfung ein. Man ist dann mal mehr, mal weniger auch zufrieden damit. Diese Wartezeit ist dann unerträglich, denn man möchte am liebsten gleich sofort das fertige Ergebnis sehen. Natürlich, es gibt im Nachklang auch immer Sachen, die man vielleicht bereut, oder man stellt sich auch immer Fragen, ob es in die richtige Richtung gegangen ist, kommt es auch beim Publikum so an, sehen es genug Leute? Da sind so viele Fragezeichen, die man nur füllen kann, indem man sich während der Wartezeit einfach irgendwie ablenkt.
Doch nun direkt zum Film Lieblingsmenschen: Hast Du die Geschichte von Amir und Agnes bereits gekannt, als Du das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hast?
Tatsächlich habe ich die ARTE-Doku wenige Wochen davor gesehen und fand dieses heterogene Paar in dessen Entstehung so aussergewöhnlich und berührend, dass die beiden mir in Erinnerung geblieben sind. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich einige Wochen später das Drehbuch lesen durfte.
Du konntest den „echten Amir“ während deinen Vorbereitungen für den Film auch treffen. Wie war diese Begegnung?
Ich konnte ihn tatsächlich treffen. Die Begegnung mit ihm war sehr schön. Es ist immer etwas Besonderes, jemanden zu treffen, den man sonst nur aus öffentlichen Formaten kennt, vor allem bei so einer berührenden Geschichte. Es war ein ehrliches, offenes Gespräch, bei dem ich ihm alle Fragen stellen durfte. Obwohl ich wusste, dass wir, in Zusammenarbeit mit unserer Regisseurin Helena Hufnagel, einen eigenen Amir erzählen wollten, war es mir dennoch wichtig, mich einmal vorher mit ihm auszutauschen.
Du spielst an der Seite von Katharina Thalbach: Wie war die Zusammenarbeit mit ihr? Ich habe nur Ausschnitte von euch auf dem grünen Teppich des ZFF gesehen, und ihr Zwei habt einfach super harmoniert.
Kathi war natürlich schon eine Berühmtheit, als ich noch studiert habe. Das ist ja jetzt auch schon 13 Jahre her. Und als dann klar war, ich komme jetzt zu dieser Berühmtheit zum Casting, wusste ich, eine Schauspielerin darfst Du nicht langweilen. Ich wusste, dass ich bei dieser einen Improvisation, die wir dann hatten, einfach abliefern muss. Diese ging eigentlich nur eine Minute, doch letzten Endes kulminierte alles auf eine 15-minütige Impro, bei der sich auch Helena und ein Produzent totgelacht haben. Es war dann so eine schöne Stimmung im Raum, und danach wusste ich, dass das passt. Da haben wir uns auch ineinander verliebt.
Kathi Thalbach ist dann natürlich auch eine Wucht in der Szene, man darf da nie nachgeben, und insofern habe ich auch sehr viel von ihr gelernt. Gleichzeitig haben wir uns auch aneinander gerieben, weil wir so unterschiedlich sind, sowohl die Charaktere, die wir spielen, als auch die Menschen, die wir sind. Wir sind so unterschiedlich, dass wir das auch immer für unsere Figuren ausfechten mussten. Helena hat das aber super moderiert, und hat uns auch super viel Raum dazu gegeben. Letzten Endes konnten wir uns dadurch auch gut ergänzen. Es hat also viel Freude bereitet, mit Kathi zu spielen - es hat gefordert, aber auch gefördert.
Lieblingsmenschen berührt auf so vielen Ebenen: Sei es der Umgang mit älteren Mitmenschen, aber auch das Thema der queeren Geflüchteten: Welcher Aspekt hat Dich am meisten berührt?
Hier finden zwei Menschen zusammen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Hier treffen unterschiedliche Geschlechter, Generationen, Kulturen, Erfahrungen und Nöte aufeinander. Dass genau die beiden zusammenfinden und sich gegenseitig ein neues Leben schenken, mit einer derartigen Bedingungslosigkeit - das berührt ungemein.
Welches ist für Dich die wichtigste Botschaft, welche von Lieblingsmenschen bei den Zuschauer:innen in Erinnerung bleiben soll?
Ältere Generationen können von den Jungen lernen, dass Veränderung nichts Schlechtes bedeutet, sowie eine Offenheit zu haben für neue Gedankenwege und Gedankenkonstrukte, auch wenn diese manchmal unbequem sind und einen aus der Komfortzone bringen können. Die junge Generation kann von den Älteren lernen, dass sich Geschichte und ihre Fehler nicht wiederholen sollen. Genauso können sie lernen, auf deren Erfahrungen zu hören und sich damit auch selbst einmal infrage zu stellen. Ich selbst habe einen Bruder mit Autismus und würde mir wünschen, dass Menschen mit Einschränkungen, Ältere, aber auch Geflüchtete und queere Menschen nicht mehr exkludiert werden und wir eine Gesellschaft kreieren, in der ein Zusammenleben möglich und schön ist.
Deine Mutter ist Iranerin: Was hat Dir diese Rolle bedeutet, gerade auch in diesem Kontext?
In erster Linie war es für mich interessant, mich mit der Kultur meiner Familie noch einmal intensiver auseinanderzusetzen. Trotz meiner Mutter und auch anderer Teile der Familie - die im Iran leben - habe ich das Privileg, ein europäisches Leben zu geniessen und mich damit zu identifizieren. Die Arbeit an der Rolle hat mich noch einmal näher an den persischen Teil in mir gebracht - an die Sprache und die Lebensphilosophie, aber auch die Ängste und die Wut, die ich mit den Zuständen im Land verbinde. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, der kann sich gerne die tolle Dokumentation „Sieben Winter in Teheran“ von Steffi Niederzoll anschauen.
Du hast immer noch Familie im Iran: Machst Du Dir auch Sorgen um sie?
Meine Verwandten sind schon älter und die trauen sich auch alle nicht mehr auf die Strasse. Deswegen weiss ich auch, dass sie sicher sind. Aber ich weiss auch, dass ich nicht mehr in den Iran reisen kann. Das weiss ich schon, seit ich ein Kind war, denn meine Mutter und mein Vater sind immer wieder verhört worden. Vor allem meine Mutter, weil sie mit einem deutschen Diplomaten verheiratet war, und da war es schon immer klar, dass sie bei der Einreise jeweils noch drei, vier Stunden lang verhört wird. Sie wurde so drangsaliert, das hat sie mir mal erzählt, dass sie irgendwann auf den Tisch gehauen hat und sagte: Jedes Mal, wenn ich komme, werde ich von ihnen verhört, was wollen Sie von mir? Der verhörende Beamte habe sie dann gepackt und gesagt, wenn sie jetzt noch einmal laut werden, dann sehen sie ihre Familie nie wieder. Von da an war für sie klar, dass wir so als Familie nicht mehr in den Iran zurückkehren können.
Ich kann eigentlich nur hoffen, dass man irgendwann wieder in dieses Land reisen kann. Aber das sehe ich leider nicht. Man fühlt nur eine Art von Machtlosigkeit, und man kann in den sozialen Medien schreien, doch es bringt halt einfach nichts.
Die Rechte queerer Menschen sind derzeit enorm unter Druck, LGBTI+ Feindlichkeiten sind auf dem Vormarsch, das spüren wir auch als LGBTI+ Medien, das Gleiche gilt für Geflüchtete, welche häufig Anfeindungen ausgesetzt sind: Hast Du auch bereits solche Erfahrungen gemacht während der Promo für den Film?
Ich habe im Zuge der Promo-Arbeit für diesen Film bisher nur positive Erfahrungen machen dürfen und habe nur gute Resonanz bekommen. Aber Menschen suchen gerne in immer komplizierter werdenden Zeiten einfache Lösungen. Zu pauschalisieren und queere oder geflüchtete Menschen über einen Kamm zu scheren und sie für die Probleme in unserer Gesellschaft verantwortlich zu machen, ist genauso einfach wie einfältig. Statt nach rechts und links zu schauen, würde der Blick nach oben, zu den oberen 1%, ganz gut tun.
Du kommst ja ursprünglich vom Theater. Was gefällt Dir besser: Theaterbühne oder Filmset?
Theater mach ich gerade weniger, weil das Drehen derzeit so viel Zeit einnimmt. Beim Film arbeitet man mikroskopischer, fast schon nuancierter. Und natürlich ist es auch damit verbunden, dass man zum Dreh kommt, seine zwei Szenen spielt und dann ist es erledigt. Ich würde daher tatsächlich sagen, dass ich beim Film eher das Gefühl habe: Hättest du das mal besser so gespielt oder hättest du das irgendwie nochmals etwas vertieft? Beim Theater wiederum ist es halt so: Du spielst alles an einem Abend durch und weisst, okay, das ist nun halt mal passiert, aber Du hast an einem anderen Tag nochmals eine Chance. Und letzten Endes ist ja auch dieses Live-Gefühl da. Die sofortige Resonanz macht das Theaterspielen aus. Von jenen Theatern, mit denen ich noch in Kontakt bin, habe ich auch gehört, dass die Leute wieder vermehrt ins Theater gehen, weil sie dieses Live-Gefühl haben wollen. Heutzutage guckst Du Dir halt in den sozialen Medien nur noch KI-Inhalte an und selbst im Film spürt man dies mittlerweile schon, etwa durch KI-Synchronisation. Das ist einfach nicht mehr das Wahre, und deswegen ist dieses Live-Gefühl einfach etwas Besonderes.
Mit Darkroom: Tödliche Tropfen standest Du für Rosa von Praunheim vor der Kamera: Wie war diese Zusammenarbeit? Rosa von Praunheim war wohl der grösste Filmemacher des Queer Cinema im deutschsprachigen Raum und ist im vergangenen Jahr gestorben.
Rosa von Praunheim hat uns sehr viel Raum gelassen, diese Figuren zu gestalten, so wie wir sie wollten. Es hat mich etwas an Jim Jarmusch erinnert, weil er die Kamera gefühlt einfach in eine Ecke gestellt hat. Das hatte fast schon etwas von Theater im Film. Das fand ich unglaublich lehrreich. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass es für ihn schöner gewesen wäre, mit Laien zu arbeiten. Einfach wegen der Art und Weise. Wir Schauspieler, viele von uns kamen vom Theater, gingen für ihn manchmal zu handwerklich vor, und so ist auch der Film dann geworden, wie er geworden ist. Ich glaube, er hat sich unglaublich gefreut, diesen Film gestalten zu dürfen, aber ich glaube auch, dass er, wenn ich für ihn sprechen darf, es mehr geschätzt hätte, mit Laien zu arbeiten, weil sie dann doch unverblümter an die Szenen herangegangen wären. Aber trotzdem war diese Arbeit eine unglaublich lehrreiche und, auch gerade unter Kollegen, eine schöne Arbeit.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Bardo, und viel Erfolg mit Lieblingsmenschen.
Lieblingsmenschen:
Agnes lebt in Berlin in einer eigenen Wohnung. Langsam wird es jedoch für die 101-Jährige immer schwieriger mit dem Alleinwohnen. Scharfzüngig und resolut, ist sie fest entschlossen an ihrem selbstbestimmten Leben festzuhalten und sich nicht in ein Altersheim abschieben zu lassen. Um diesen Schritt zu verhindern, kommt Amir wie gerufen.
Der 31-jährige schwule Geflüchtete aus dem Iran sucht eine Wohnung, und Agnes wiederum sucht Unterstützung im Alltag. Was als Zweck-WG beginnt entwickelt sich zu einer tiefen Freundschaft über kulturelle und altersbedingte Grenzen hinweg. Die anfängliche Skepsis weicht auf beiden Seiten ebenso schnell wie das gegenseitige Vertrauen wächst.
Ab dem 19. November 2026 nur im Kino!

