SEXUALITÄT: Thomas gibt einen persönlichen Einblick in die Fetisch-Community

SEXUALITÄT: Thomas gibt einen persönlichen Einblick in die Fetisch-Community
Das Thema „Fetisch“ steht bei Thomas oft im Fokus. Wir haben ihm unter anderem Fragen zur Fetisch-Community, sowie über Fetisch-Events und -Partys gestellt - hier in der Schweiz, aber auch international. Er erzählt aber auch von seinen persönlichen Erfahrungen, und davon, was die Fetisch-Community für ihn ausmacht.

Thomas ist 39, arbeitet als Buchhalter im Liegenschaftsbereich und wohnt in der Nähe von Bern. Seit rund fünf Jahren bewegt er sich in der Fetisch-Community und nimmt nun an der an der M Fetisch Switzerland Wahl in Bern teil. In welchen Städten er bereits an Fetisch-Partys war und wie er sich privat kleidet, dass erzähl er Dir in diesem Interview.

Umschreibe deinen Fetisch – oder deine Fetische – und erzähle uns, wann und wie Du sie entdeckt hast.
Mein Hauptfetisch ist Leder. Entdeckt habe ich ihn schon sehr früh, da ich in meinen jungen Jahren stark in der Gothic-Szene unterwegs war. Leder ist dort ein weit verbreitetes Material, allerdings eher Ausdruck eines Lifestyles und weniger im Fetisch-Kontext.
Finanziell war es mir damals noch nicht möglich, mir eigene Lederkleidung wie Jacken oder Hosen zu leisten. Erst mit der Zeit konnte ich mir Schritt für Schritt entsprechende Stücke anschaffen. Der eigentliche Fetisch-Aspekt von Leder entwickelte sich jedoch erst um 2018/2019, als ich die Organisation Leathermen of Switzerland kennenlernte und Mitglied wurde. Dadurch kam ich zunehmend in Kontakt mit anderen Ledermännern sowie mit weiteren Fetischen.
In den letzten Monaten habe ich zudem Interesse an neuen Fetischen wie Sportswear und Lycra entwickelt, die ich künftig gerne vertiefter für mich entdecken möchte.

Seit wann gehst du an Fetisch Partys und wie haben sie sich seither verändert?
Meine erste reine Fetisch-Party war die Folsom Europe 2022 in Berlin, eines der grössten europäischen Fetisch-Festivals. Davor waren es die Lederevents des Vereines, die in öffentlichen, queeren Bars stattfanden. Da dies noch nicht sehr lange zurückliegt, habe ich persönlich keinen grossen Wandel innerhalb der Szene miterlebt.
Generell lässt sich jedoch beobachten, dass Fetisch zunehmend sichtbarer und präsenter in der Öffentlichkeit wird, auch wenn es beispielsweise an Prides immer wieder zu Diskussionen oder Rechtfertigungen kommt. Für mich ist Fetisch weit mehr als reine Lust oder Sex. Es geht ebenso um Körperpositivität, Akzeptanz und Consent.
Seit rund zwei Jahren finden in Bern und Zürich monatliche Leder- und Fetisch-Socials statt, die ich, soweit möglich, regelmässig besuche. Zudem gibt es das jährlich im Februar in Bern stattfindende Wochenendevent Xperience Swiss Fetish, das ich ebenfalls sehr schätze.

Besuchst du auch Partys ausserhalb der Schweiz?
Ja, in den letzten Jahren war ich an verschiedenen europäischen Events, unter anderem in Berlin an der EasterBerlin und der Folsom, in Antwerpen an der Darklands, in Sitges während der Bear Week, in Nizza an der Nice So Fetiche und in Wien an der Wien in Schwarz.
Diese Veranstaltungen zeigen eindrücklich, wie vielfältig die Fetisch-Community ist. Bei vielen Events treffen Menschen aus ganz Europa oder sogar aus der ganzen Welt aufeinander. Für mich spielt es dabei keine Rolle, ob es sich um ein Grossereignis mit über 20’000 Teilnehmenden oder um ein kleines Event mit 50 Personen handelt. Entscheidend ist, dass eine offene Atmosphäre herrscht und man gemeinsam eine gute Zeit verbringen kann.

Bei Fetisch-Events geht es doch nur um Sex - oder steckt da mehr dahinter?
Fetisch, Kink und Sex stehen in einem engen Zusammenhang. Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen diesen Begriffen oft fliessend und nicht immer eindeutig voneinander abzugrenzen. Fetisch beschränkt sich dabei keineswegs nur auf bestimmte Materialien, sondern kann sich ebenso auf Körperteile wie beispielsweise Füsse oder Körperbehaarung beziehen.
An vielen Fetisch-Events besteht durchaus die Möglichkeit zu sexuellen Begegnungen. Entscheidend ist jedoch, dass diese stets auf gegenseitigem Respekt und klarem Consent beruhen. Sex ist somit eine mögliche, aber keineswegs zwingende Komponente solcher Anlässe.
Für mich persönlich ist Fetisch vor allem ein Ausdruck von innerer Stärke, Selbstakzeptanz und einem bewussten Zugang zum eigenen Körper. Wer seinen Fetisch oder seine Fetische gefunden hat und mit Stolz, Offenheit und Zufriedenheit auslebt, strahlt dies auch nach aussen aus und wirkt dadurch attraktiver und erotischer.

Haben Handy und Co. die Fetisch Community verändert?
Wie alle Communities, so hat sich auch die Fetisch-Szene im digitalen Zeitalter verändert. Es ist heute deutlich einfacher, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben, sich über Events zu informieren oder neue Gleichgesinnte über verschiedene Plattformen kennenzulernen.
Trotzdem schätze ich den persönlichen Austausch an physischen Anlässen sehr. Ich möchte digitale Medien keineswegs verteufeln, ich nutze sie selbst auch, doch im direkten Kontakt lernt man Menschen und ihre Persönlichkeiten oft viel besser kennen. Auf Apps werden potenzielle Begegnungen manchmal vorschnell ausgeschlossen, nur weil jemand einen anderen Fetisch oder ein nicht bevorzugtes Alter hat.

Welche Kleider trägst Du privat am liebsten?
Privat bin ich meist in Jeans und T-Shirt unterwegs. Das ist unkompliziert und gut mit meinem Beruf als Buchhalter vereinbar. Leder trage ich in der Regel nur zu besonderen Anlässen.
Für mich ist Leder etwas Spezielles und bewusst nicht alltäglich. Entsprechend nehme ich mir vor Events gerne Zeit, um mein Outfit sorgfältig zusammenzustellen – vom Hemd über Hose und Schuhe bis hin zur passenden Jacke.

Wage mal einen vorsichtigen Forecast… Wie wird sich die Fetisch Community in den nächsten Jahren entwickeln?
Ich hoffe, dass sich die Akzeptanz gegenüber der Fetisch-Szene sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch innerhalb der queeren Community weiter positiv entwickelt und Fetisch nicht weiter separiert wird. Die Fetisch-Szene war schon immer ein Teil der queeren Geschichte und hat ihren Platz im öffentlichen Raum verdient.
Zudem wünsche ich mir, dass soziale Anlässe, Community-Events und Partys auch in Zukunft bestehen bleiben und weiterhin Raum für Austausch, Begegnung und Gemeinschaft bieten.

Links zum Artikel:
Instagram von Thom
Fotos von Luis Pestana: Instagram
Infos zur M Fetish Switzerland-Wahl