GESUNDHEIT: "Der Fokus gilt heute dem Menschen, nicht der HIV-Infektion"

GESUNDHEIT: "Der Fokus gilt heute dem Menschen, nicht der HIV-Infektion"
Dr. Loïc Lhopitallier arbeitet als Infektiologe in Lausanne und begleitet viele Menschen mit HIV. Im Gespräch spricht er über Stigmatisierung, PrEP, Versorgungslücken und darüber, warum HIV-Medizin heute weit mehr bedeutet als die Behandlung eines Virus.

Dr. Lhopitallier, Sie arbeiten als Infektiologe in Lausanne und betreuen viele Menschen mit HIV. Wie unterscheidet sich die Situation dort von anderen Regionen der Schweiz, etwa Zürich?
Grundsätzlich ist die Situation in der ganzen Schweiz ähnlich. Die Versorgung läuft meist entweder über Universitätsspitäler oder über private Praxen. Zürich hat wahrscheinlich ein besonders gut ausgebautes Netzwerk von privaten Ärzt*innen, die HIV-Behandlungen anbieten, aber ähnliche Strukturen gibt es auch in Lausanne.

Ein wichtiger Unterschied betrifft jedoch die Medikamentenabgabe. In der Deutschschweiz dürfen Ärzt*innen HIV-Medikamente oft direkt an Patient*innen abgeben. In der Romandie ist das in der Regel nicht möglich. Hier müssen die Medikamente meist über die Apotheke bezogen werden.

Das klingt nach einem kleinen Detail, ist aber relevant, wenn man über HIV und Stigma spricht. Für manche Menschen kann der Gang in die Apotheke immer noch unangenehm sein.

Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Welche Entwicklungen in der HIV-Therapie haben Ihren Praxisalltag am stärksten verändert?
Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich enorm verbessert. Therapien wurden einfacher, und wir verfügen heute über langwirksame Behandlungen, wodurch die tägliche Einnahme einer Tablette nicht mehr notwendig ist.

Die grösste Veränderung ist aber, dass der Fokus heute dem Menschen gilt, nicht der HIV-Infektion. Die Medikamente funktionieren heute so gut, dass in den Konsultationen mehr Raum bleibt für Themen wie mentale Gesundheit, Herz-Kreislauf-Risiken oder sexuelle Gesundheit. HIV-Medizin bedeutet heute deutlich mehr, als nur das Virus zu kontrollieren.

Wie sieht die aktuelle Verteilung von HIV bei Männern und Frauen aus und gibt es Unterschiede in der Versorgung?
Weltweit leben mehr Frauen mit HIV als Männer. In der Schweiz ist die Situation jedoch anders: Rund 73 Prozent der Menschen mit HIV sind Männer. Das hängt stark mit der Epidemiologie im globalen Norden zusammen, wo HIV historisch besonders MSM betroffen hat.

Bei Frauen sehe ich in der Schweiz weniger ein Problem beim Zugang zur Therapie als vielmehr bei der Diagnose. HIV-Tests werden bei Frauen oft noch zu selten angeboten, weil Ärzt*innen Hemmungen haben, sexuelle Gesundheit offen anzusprechen. Dabei sollten wir aufhören, uns ständig zu fragen, wie jemand HIV bekommen haben könnte. Wichtig ist, dass getestet und behandelt wird.

Werden Frauen aus Ihrer Sicht in Forschung und Versorgung denn ausreichend berücksichtigt?
Es gibt weiterhin Nachholbedarf, besonders beim Thema Testing und Früherkennung. HIV wird noch immer stark mit MSM assoziiert, und das beeinflusst leider auch medizinische Entscheidungen. Wir müssen HIV-Tests normalisieren und entstigmatisieren.

Wie erleben Sie die Rolle von PrEP innerhalb der MSM-Community heute?
PrEP war eine Revolution. Zum ersten Mal seit Beginn der Epidemie haben wir ein Präventionsinstrument, das wirklich sehr gut funktioniert.

Innerhalb der offen queeren Community ist das Wissen über PrEP meist sehr hoch. Schwieriger wird es bei Männern, die Sex mit Männern haben, sich aber nicht als gay oder queer identifizieren oder nicht geoutet sind. Viele dieser Menschen erreichen wir bis heute nicht ausreichend. Manche erfahren erst durch Zufall im Rahmen einer anderen Untersuchung von PrEP. Es gibt also weiterhin eine doppelte Stigmatisierung: Einerseits rund um gleichgeschlechtliche Sexualität, andererseits rund um den Zugang zu PrEP. Und PrEP betrifft nicht nur MSM. Auch heterosexuelle Menschen könnten davon profitieren, wissen aber oft zu wenig darüber.

Wie gut informiert sind Patient*innen heute?
Heute gibt es deutlich mehr Informationen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Menschen Dinge besser verstehen, denn online kursiert auch sehr viel Fehlinformation. Gleichzeitig erlebe ich, dass das Vertrauen in Fachpersonen weiterhin hoch ist. Es kommt selten vor, dass jemand mit einer fixen Vorstellung in die Sprechstunde kommt und ein bestimmtes HIV-Medikament verlangt.

Gibt es innerhalb der MSM-Community Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen?
Ich finde es wichtig, Menschen nicht auf Kategorien zu reduzieren. Natürlich spielen Faktoren wie Alter, soziale Herkunft oder Rassismus eine Rolle. Besonders Black MSM erleben oft eine doppelte Diskriminierung. Trotzdem bleibt jede Geschichte individuell. Gute Versorgung bedeutet, zuzuhören und nicht vorschnell Annahmen zu treffen.

HIV-Therapien werden zunehmend individualisiert. Wie entscheiden Sie gemeinsam mit Patient*innen über die passende Behandlung?
Wir besprechen regelmässig neue Therapieoptionen und schauen gemeinsam, welche Möglichkeiten medizinisch sinnvoll sind. Nicht jede Behandlung passt zu jeder Person. Am Ende ist es ein gemeinsamer Entscheidungsprozess: Wir wägen Vor- und Nachteile zusammen ab und finden eine Lösung, die medizinisch und persönlich passt.

Wann wird ein Therapiewechsel nötig?
Es gibt medizinische Gründe wie eine nachweisbare Viruslast, Schwangerschaft oder Stoffwechselprobleme. Oft spielen aber auch persönliche Faktoren eine Rolle: Manche Menschen bevorzugen eine Tablette, andere interessieren sich für Injektionen.

Gerade langwirksame Therapien können Menschen helfen, die stark unter internalisierter HIV-Stigmatisierung leiden. Die Verantwortung wird dadurch stärker zwischen mir als Arzt und vom Patienten geteilt.

Wie gross ist die Nachfrage nach langwirksamen Therapien?
Ich bespreche diese Optionen mit den meisten geeigneten Patient*innen. Etwa ein Viertel zeigt grosses Interesse. Viele sind mit ihrer bisherigen Therapie zufrieden, andere empfinden langwirksame Behandlungen als echten Fortschritt. Für mich sind diese Therapien klar Teil der Zukunft.

Sind wir bei der Reduktion von Neuinfektionen auf dem richtigen Weg?
Global gesehen bin ich nicht besonders optimistisch. Kürzungen bei internationalen Gesundheitsprogrammen haben bereits gravierende Folgen. In vielen Ländern verlieren Menschen den Zugang zu Medikamenten und Versorgung.

In der Schweiz könnten wir vor allem beim Thema HIV-Testing mehr tun. Die Versorgung nach einer Diagnose ist hervorragend — die Herausforderung bleibt, Menschen früh genug zu testen.

Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen: PrEP reduziert Neuinfektionen klar, und langwirksame Prävention könnte besonders in Regionen wie Subsahara-Afrika einen grossen Unterschied machen. Die Instrumente existieren. Entscheidend ist der Zugang dazu.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Wir werden neue Wirkstoffklassen und neue Formen der Verabreichung sehen. Die Entwicklung geht klar in Richtung länger wirksamer Therapien und stärker individualisierter Behandlung. Auch in der Prävention gibt es enorme Fortschritte, insbesondere bei langwirksamer PrEP. Was weiterhin fehlt, sind langfristige Vergleichsdaten zu Themen wie Herz-Kreislauf-Gesundheit, Knochendichte oder Lebensqualität.

Was motiviert Sie persönlich, in der HIV-Medizin zu arbeiten?
Ein Teil davon hat mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin in London aufgewachsen, und meine Mutter arbeitete als Hausärztin mit französischsprachigen Menschen mit HIV, die Schwierigkeiten hatten, Zugang zur Versorgung zu finden. Zudem ist mein Onkel an den Folgen von HIV und Aids gestorben.

Heute motiviert mich vor allem die Community. Ich empfinde es als grosses Privileg, mit so unterschiedlichen Menschen arbeiten zu dürfen. Das ist bis heute etwas, das mich jeden Morgen gerne zur Arbeit gehen lässt.

DSC09582_WEB©Anne-Laure Lechat_lhopitallier_loic_0.jpg«Gute Versorgung bedeutet, zuzuhören und nicht vorschnell Annahmen zu treffen.» - Dr. Loïc Lhopitallier (Bild: Anne-Laure Lechat / zVg)

 

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