HISTORY: Zum 100. Geburtstag von Tom of Finland

HISTORY: Zum 100. Geburtstag von Tom of Finland
Er brachte mitunter seine eigenen erotischen Fantasien zu Papier, und wurde damit zu einem der Vorreiter homoerotischer Kunst, denn wohl kaum einer hat das grafische Bild des modernen, maskulinen, schwulen Mannes stärker geprägt als er: Am 8. Mai wäre Touko Valio Laaksonen, besser bekannt als Tom of Finland, 100-jährig geworden...

Geboren in einer Kleinstadt im Südwesten von Finnland, hat es Touko Valio Laaksonen in die bekanntesten Museen der Welt geschafft: Von New Yorks Museum of Modern Art über das San Francisco Museum of Modern Art, das Museum of Contemporary Art in Los Angeles bis an die Biennale in Venedig oder ins Kiasma Helsinki in seiner Heimat. Und dies ist alles andere als selbstverständlich, war seine homoerotische Kunst doch lange überhaupt nicht Mainstream-tauglich. Als Tom of Finland, unter diesem Pseudonym veröffentlichte er ab 1957 seine ersten Arbeiten, prägte er das Bild des modernen, maskulinen, schwulen Mannes wie wohl kein anderer vor oder auch nach ihm.

Aufgewachsen in Kaarina nahe der Stadt Turku, ist Touko Valio Laaksonen im Alter von 19 in die finnische Hauptstadt Helsinki gezogen um dort Marketing zu studieren. Dies war auch das Jahr, als der Zweite Weltkrieg begann, Deutschland seine Grenzen massiv expandierte und bald auch Finnland mit hineinzog. Erst griff Russland, zu dessen Reich Finnland noch bis 1917 gehörte, an, was heute als Winterkrieg bekannt ist. Als Deutschland den Nichtangriffspakt mit Russland gebrochen hat und sich langsam in Richtung Moskau vorkämpfte, trat Finnland in eine Kooperation mit den Deutschen ein. Sie holten sich damit Teile ihres im Winterkrieg verlorenen Staatsgebiets zurück und drangen sogar bis weit nach Russland hinein vor.

Die heissesten Uniformen...
Durch die Kooperation mit Deutschland kamen auch viele Wehrmachtssoldaten nach Finnland, und diese schienen es Laaksonen, welcher mittlerweile für die finnische Armee eingezogen wurde, sehr angetan zu haben. Später erklärte er, dass sein Fetisch für Armeeuniformen in dieser Zeit entstanden sei. Er hat sich dabei in den verdunkelten Nächten immer wieder mit Soldaten in den Strassen von Helsinki getroffen. Diese Erlebnisse, besonders mit der Wehrmacht, hat er schliesslich auch in seinen ersten Zeichnungen zu Papier gebracht. So lautet auch eines seiner berühmten Zitate aus dieser Zeit: "Er mache mit seinen Zeichnungen keine politischen Statements, vertrete keine Ideologien. Er denke einzig und alleine an das Bild. Die ganze Nazi-Philosophie, der Rassismus und all das, sei für ihn so hasserfüllt, doch, er zeichne die Bilder trotzdem, denn die hatten schlicht die heissesten Uniformen." In späteren Jahren machten ihm diese Zeichnungen von damals aber immer mehr zu schaffen.

Als sich die Rote Armee ab 1944 erfolgreich gegen Deutschland zur Wehr setzte, und diese zurückdrängen konnte, begann auch in Finnland die Furcht vor einem erneuten Angriff Russlands. Schlussendlich zogen sich die Finnen aus den von ihnen eroberten Gebieten in Russland zurück und schlossen einen Separatfrieden. Damit verbunden mussten sie ihre Verbindungen zu Deutschland kappen und die Wehrmacht aus Finnland vertreiben. Der damit verbundene Lapplandkrieg zwischen den beiden Ländern endete erst am 27. April 1945 als die letzten deutschen Soldaten finnisches Territorium verliessen. Nach dem Ende des Krieges nahm Laaksonen sein Studium wieder auf.

1957 - die erste Veröffentlichung in den USA
Es dauerte ganze elf Jahre, bis schliesslich seine künstlerische Laufbahn in die Gänge kam. Laaksonen schickte 1956 einige seiner Zeichnungen an das einflussreiche, amerikanische Magazin Physique Pictorial, welches die Bilder in der Frühlingsausgabe 1957 auch tatsächlich abdruckte und ein Bild gar für das Cover aussuchte. Darunter waren etwa Bilder von Holzfällern. Damals nutzte Laaksonen das Pseudonym Tom, eine Anlehnung an seinen bürgerlichen Vornamen Touko, das erste Mal, und der Herausgeber des Magazins erweiterte den Namen kurz darauf zu Tom of Finland, mit welchem er schliesslich weltberühmt wurde.

In der Nachkriegszeit begann auch der Aufstieg der Biker-Szene, und Laaksonen fand in diesen "harten Kerlen" mit Leder und Jeans, eine neue Inspirationsquelle für seine Kunst. Dabei setzte er sich wieder gegen die gängigen und im Mainstream weit verbreiteten Klischees durch, welche den homosexuellen Mann eher als einfühlsam, soft und physisch schwächer sahen. Laaksonen orientierte sich dabei vielmehr an der schwulen Subkultur aus dieser Zeit. Aufgrund der damals insbesondere auch in den USA geltenden Zensurvorschriften, welche gleichgeschlechtliche Pornografie verboten, bediente sich auch Laksoonen am Beefcake Genre, welches in den 1930ern entstand, und die geltenden Gesetze umgingen. Dabei werden insbesondere junge Männer mit gestählten Körpern, durchaus homoerotisch, dargestellt, aber in Fitness- und Bodybuilder-Magazinen abgebildet. Für viele schwule Männer waren diese Magazine damals die einzige Möglichkeit, um ihre sexuelle Neigungen zumindest ein bisschen auszuleben.

Wie ein Gerichtsurteil die schwule erotische Kunst aufblühen liess
Mit dem Urteil des Obersten Gerichts im Jahr 1962, dass männliche Aktbilder nicht grundsätzlich obszön sind, kam Bewegung in die Community. Damit brach der Markt für Beefcake-Magazine in den folgenden Jahren völlig ein, gleichzeitig schossen aber Magazine und Filmstudios wie Pilze aus dem Boden, welche schwule Softcore Pornografie zeigten. Sex-Szenen waren aber nach wie vor verboten, da mit Illinois zwar 1962 ein erster US-Bundesstaat gleichgeschlechtliche Aktivitäten legalisierte, doch die restlichen zogen erst viel später mit. Landesweit war es sogar erst im Jahr 2003 soweit, als das Oberste Gericht homosexuelle Aktivitäten in den ganzen USA erlaubte.

Mit dem Urteil über männliche Aktbilder bestand nun endlich auch für Tom of Finland die Möglichkeit, seine expliziteren Werke zu verbreiten. Die Gay-Kultur wurde ab den 70ern immer mehr Mainstream, nicht zuletzt auch durch Stonewall und den Beginn der modernen LGBTI+ Bewegung. Ab 1973 hängte Laaksonen seinen Beruf bei einer Werbeagentur in Helsinki endgültig an den Nagel und begann sich vollends auf seine Kunst zu fokussieren. Er veröffentlichte unter anderem ein erotisches Comic-Buch, und versuchte aber auch mit seinen Bildern vermehrt den Zugang in die Kunstwelt zu finden. Dazu verfeinerte er auch seinen Stil und wurde mehr fotorealistisch.

Mit dem Erfolg kamen die Kopien
Mit seiner zunehmenden Popularität begannen aber auch immer mehr ihn zu kopieren, und so tat sich Laaksonen mit seinem Freund und Geschäftsmann Durk Dehner zusammen um mit ihm 1979 die Tom of Finland Company zu gründen um damit das Copyright an seinen Arbeiten zu sichern. Fünf Jahre später wurde die Company in die Tom of Finland Foundation überführt, um das Schaffen des Künstler zu bewahren, zu sammeln und auch auszustellen. Bereits damit war er äusserst erfolgreich, doch als er zusammen mit Benedikt Taschen, dem weltgrössten Verleger für Kunstbücher, seine Biografie mit vielen weiteren Bildern veröffentlichte, setzte seine Karriere zu einem weiteren Höhenflug an. Die Tom of Finland Foundation begann darauf auch ihre Arbeit auszuweiten um erotische Kunst in allen Facetten zu fördern, Projekte und Ausstellungen zu unterstützen und schlussendlich auch den Grundstein für ein Museum für erotische Kunst zu setzen.

Im Jahr 1988 wurde bei Laaksonen dann aber die chronische Lungenerkrankung COPD festgestellt. Durch die Krankheit und die damit verbundene Medikation begannen seine Hände vermehrt zu zittern, wodurch er immer weniger mit Bleistiften zeichnen konnte, und stattdessen zur Pastellmalerei wechselte. Im Jahr 1991 verstarb Touko Valio Laaksonen schliesslich am 7. November im Alter von 71 Jahren an einem durch die Krankheit ausgelösten Schlaganfall in der finnischen Hauptstadt Helsinki.

Bis heute für Skandale gut...
Seine Kunst war bereits zu Lebzeiten von Laaksonen für manchen Skandal und zahlreiche Provokationen gut, und dies soll sich bis heute nicht ändern. Als die finnische Post im September 2014 bekannt gab, zu Ehren von Tom of Finland eine Sonderbriefmarke zu veröffentlichen, schrillten im Nachbarland Russland bereits die Alarmglocken. Der Politiker und Vater des Anti-Gay-Propagandagesetzes, Witali Milonow, aus St. Petersburg störte sich derart an der Marke, dass er die russische Post aufforderte, sämtlichen Briefe mit dieser Marke unvermittelt an den Absender zurückzuschicken. Die finnische Post freute sich jedoch auch über diese Publicity, und so wurde die Tom of Finland-Sonderbriefmarke zur erfolgreichsten Serie, welche die Post je veröffentlicht hat, und zwar mit Vorbestellungen aus 178 Ländern.