DATING: Feste Beziehung, Mingle oder Friends with Benefits

DATING: Feste Beziehung, Mingle oder Friends with Benefits
Zeiten, in denen es entweder nur Singles oder Menschen in Beziehungen gab, sind längst passé. Mit der Frage nach dem eigenen Beziehungsstatus konfrontiert, reagieren viele Schwule oder Lesben in heutiger Zeit verunsichert, weil sie sich selbst eigentlich nicht eindeutig im Klaren darüber sind, ob sie nun alleine leben oder sich in einer Partnerschaft in welcher Form auch immer befinden.

Hintergrund einer Entwicklung weg von klassischen Beziehungs- und Partnerschaftsformen hin zu neuzeitlichen Alternativen sind Lebens- und Arbeitswelten, in denen es ein zunehmend enger getakteter Terminkalender in Freizeit und Job gerade jüngeren Menschen oftmals schwermacht, eine feste Bindung einzugehen.

Einerseits sind die Ansprüche und Erwartungen an den eigenen Partner vor allem in westlichen, vom Leistungsgedanken geprägten Kulturen so gestiegen, dass viele nicht mehr an eine feste Beziehung oder gar den Partner fürs Leben glauben oder glauben wollen.

Zudem ist der heutige Lifestyle durch Werbung und sozialen Druck von einem Diktat der Freiheit und Ungebundenheit geprägt, das zu dem vielzitierten Phänomen einer Single-Gesellschaft geführt hat. Kritiker bemängeln einen Lifestyle, in dem in egoistischer Grundhaltung nur nach Erfüllung der eigenen Wünsche und Sehnsüchte geschielt wird, statt sich in mitfühlender Weise den Bedürfnissen des anderen zu widmen.

Befeuert werden diese verändernden Einstellungen zu Treue und Ausschliesslichkeit auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen durch eine zunehmend liberale Gesellschaft, gewachsen aus Gleichstellungsbestrebungen, die - wie gay-parship.ch zutreffend bemerkt - in dem Partnerschaftsgesetzt eine erste Basis fand und den Boden für alternative Lebensformen bereitete.

Liberalität und die wachsende Sehnsucht nach individueller Freiheit sind es denn auch, die jedoch den Bindungsgedanken auch fragwürdig und kontraproduktiv erscheinen lassen. Beziehungen zu leben bedeutet auch immer ein gewisses Mass an Einschränkungen. Sie bringen Organisationszwänge wie beispielsweise die Suche nach einer gemeinsamen Wohnung mit sich. Ihnen wird sich ein Freigeist nur ungern unterwerfen wollen.

Was unterscheidet etwa überzeugte Mingles, Friends with Benefits oder Casual Daters von Monogamisten, was steckt dahinter?

61 Prozent der 14- bis 24-Jährigen fällt es schwer, sich zu binden

Immerhin 40 Prozent hatten bereits bei einem One-Night-Stand oder während einer Affäre Sex. Sexuelle Erfahrungen können ja durchaus auch in Bekanntschaften gemacht werden, die von kürzerer Dauer oder weniger verbindlich sind. Die Zahlen passen in ein Bild von um sich greifender Unfähigkeit, dauerhafte Partnerschaft in all seinen Facetten ausschliesslich in Monogamie zu leben.

Gerade jüngeren Partnern fehlt oft noch die Lebenserfahrung und die Erkenntnis, dass in einer Partnerschaft nicht nur genommen, sondern auch gegeben werden muss. Auch fehlt vielfach noch die notwendige Erfahrung, dass nicht alles hundertprozentig perfekt verlaufen kann und muss. Respektvolles Miteinander darf erst noch erarbeitet und geregelt werden, wozu vielfach Mut und Selbstbewusstsein gerade in jüngeren Jahren natürlicherweise noch fehlen.

Fehlende Kompromissbereitschaft ist es denn auch, die in jungen Jahren oftmals in Wechselwirkung mit mangelnder Kommunikationskompetenz steht. Partner benötigen ihre Zeit und gelebte Krisen, um sich durch gemeinsame Gespräche überhaupt Klarheit über ihre gemeinsame Situation zu verschaffen: Leben wir jetzt in einer Beziehung oder nicht? Besonders herrscht Unklarheit über den eigenen wie auch gewünschten Status Quo gerade dann, wenn Vorbilder fehlen – etwa, wenn sich die eigenen Eltern geschieden haben.

Auch das Fehlen stabiler Rahmenbedingungen in einer Gesellschaft, die von befristeten Jobs, häufiger wechselnden Wohnverhältnissen und unsicherer Zukunft geprägt ist, trägt zu einem parallelen Phänomen von Befristung in persönlichen Verhältnissen massgeblich bei. Sie hat zur Ausbildung von Alternativen wie etwa dem Mingle-Beziehungsstatus geführt.

Sind wir jetzt zusammen oder nicht?

Der Begriff „Mingle“ setzt sich aus den Bestandteilen „Single“ und „mixed“ zusammen, die jene Mischform aus klassischem Single-Dasein und gelebter Partnerschaft treffend kennzeichnen. In einer Art „Beziehungs-Schwebezustand leben gerade jüngere Partner oftmals im Mingle-Verhältnis zusammen, ohne sich darüber bewusst zu sein.

Absprachen gelten in jungen Beziehungen eher als uncool, das Praktizieren typischer Bindungsrituale wie das Publikmachen der Beziehung im Bekanntenkreis oder bei Eltern und Verwandtschaft als altmodisch. Aber auch als zu verpflichtend. So sind Treffs und gemeinsame Aktivitäten eher auf Spontanität und Unregelmässigkeit als auf gemeinsame Systematik hin angelegt.

Eine vorherrschende Unverbindlichkeit verläuft dabei oftmals auf unbewusster Ebene ab. Mingle-Partner wollen und können sich (noch) nicht auf feste Partnerschaft festlegen, ohne sich unbedingt darüber bewusst zu sein. So bleibt für jeden der beiden sowohl der Weg zu zeitweiligem Rückzug in die eigene Isolation als auch ins gelegentliche, unverbindliche Ausleben eigener Sexualität mit dem festen Mingle-Partner – beiderseitiges Einverständnis vorausgesetzt.

Aber auch auf bewusster Ebene erscheint das Beziehungsmodell in zunehmendem Masse unter jüngeren Menschen als schick. Denn dabei können beide die Freiheiten ihres ungebundenen Daseins mit gemeinsamen Unternehmungen in einer Paarsituation kombinieren: Sie gehen miteinander aus, schlafen miteinander, fahren gemeinsam in die Ferien - aber haben keine Verpflichtungen dem anderen gegenüber.

Fehlende Verantwortung gegenüber dem Mingle-Partner schliesst auch das offene sexuelle Ausleben mit anderen Personen mit ein – wenngleich aber nicht in dem Masse wie es beim Casual Dating der Fall ist, wo der Fokus weniger auf Gefühlen statt mehr auf Erotik liegt. Das gilt in eingeschränktem Mass auch für die sogenannten „Friends with Benefits“.

Jeder Zehnte unter 24 schläft mit „guten Freunden“

Der Neusprech aus der Jugendbewegung „Friends with Benefits“ bedeutet in etwa so viel wie „Freundschaft plus“ und steht für eine Affäre, die etwas mehr sein will als eine rein auf sexuelle Handlungen orientierte Beziehung.

Obwohl Sex in der Partnerschaftsform eine gewisse Rolle spielen kann aber nicht muss, stehen bei „Friends with Benefits“ gemeinsame Unternehmungen jenseits vom Ausleben sexueller Gelüste im Vordergrund – ohne Anspruch auf Exklusivität im Hinblick auf alleinige Treue. Gibt es irgendwann keinen Sex mehr, scheitert daran nicht die Freundschaft. Dabei steht jedem frei auch mehrere Freunde, oder mehrere Affären zu haben. Aus der Eigenverantwortlichkeit für die eigenen Gefühle heraus wird aus dem gemeinsamen Sex kein Anspruch auf Exklusivität abgeleitet.

Zu allererst ist ein "friend with benefit" einfach nur Freund und wird als solcher wertgeschätzt. Die Person als Mensch zählt. Der Zusatz „benefit“ beinhaltet eine zusätzliche Komponente der Wertschätzung, die darüber hinaus auch den Aspekt sexueller oder emotionaler Attraktivität von Mann/Mann oder Frau/Frau miteinbezieht. So sind auch Gefühle möglich, aber aus irgendwelchen Gründen kommt eine Beziehung nicht in Frage. Das beruht auf Gegenseitigkeit, beide wissen das, und beide können positiv damit umgehen.

Die Schweiz im Casual-Dating-Fieber

Anders als bei Mingles und Friends with Benefits steht dagegen bei Casual Datern der Fokus eindeutiger auf unverbindliches Ausleben sexueller Fantasien, jenseits von emotionalen Ansprüchen an Treue und Geborgenheit.

Aus der Perspektive heraus stellt Casual Dating die extremste alternative Beziehungsform dar. Gesucht wird nach unverbindlichen und für beide Seiten erfüllenden intimen Szenarien, die in gemeinsamen Vorstellungen auf virtuell geistiger Ebene oder in reellen Treffen tabulos ablaufen.

Im Gegensatz zu Mingles sind Casual Daters stärker in eigenen Plattformen organisiert und verlinkt, um Gleichgesinnte zu treffen. Dabei können sich zwei Partner unter beiderseitigem Einverständnis auch jeweils in sexuellen Parallelwelten bewegen, und dennoch zu Hause eine klassische Beziehung führen.

Die Anonymität der Portale bietet Ihnen dabei ein Umfeld, in dem sie ungezwungen eigene Vorlieben und Fantasien austauschen und gelegentliche Treffs organisieren können – mit steigender Beliebtheit.

Zu dem Ergebnis kommt jedenfalls der Online-Dating-Marktreport 2017, der einen erhitzten Wettbewerb unter den Anbietern für zwanglose Erotikkontakte konstatiert. Erhöhte Marktanteile bei Umsatz- und Nutzerzahlen von rund einem Drittel aller Nutzer und zweithöchster Umsatz-Anteil von Adult-Dating (27 Prozent) hinter Partnervermittlungen sprechen eine deutliche Sprache.

Der Markt an lockeren Sex-Dating-Portalen boomt. Die Zahlen legen beredtes Zeugnis ab von einer schweizweiten Gesellschaft, die – wie viele andere westliche auch –Tendenzen hin zu Unverbindlichkeit und Ungezwungenheit in entsprechende Suchportale kanalisiert.

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